Allgemein

Mein Leben ist…

…meistens gar nicht so schlimm wie es mir manchmal erscheint.

Ich habe einen Bildungsabschluss, der es mir auf dem Arbeitsmarkt bisher recht leicht gemacht hat, anständige Jobs zu finden. Ich habe aktuell einen sicheren Posten, der mir und meinem Kind einen guten Lebensstandard sichert. Ich habe zwar wenige aber dafür unglaublich gute Freunde, die ich um nichts in der Welt missen möchte und – das Wichtigste zum Schluss – mein Kind und ich sind gesund.

Aus heutiger Sicht erfüllen diese Punkte zumindest die Grundvoraussetzungen für ein zufriedenes Leben. Tja, wenn da nur nicht mein 20 Jahre jüngeres Ich wäre, das mir in einem Tagebucheintrag von 1998 empört entgegenschreit: „Ich will etwas Besonderes sein, dabei bin ich nichts als Durchschnitt und werde wie Millionen anderer (…) einem Bürojob nachgehen und (…) dahin siechen, bis ich endlich sterbe. Mein halbes Leben ist vorbei und ich habe es verschwendet.“ Wow, jetzt fällt es mir wieder ein: ich war eine ziemliche Drama Queen. Allerdings hatte ich mich auch nicht so weitsichtig  in Erinnerung – das mit dem Bürojob hat ja schon mal super geklappt. Außerdem habe ich laut den obigen Zeilen und rein rechnerisch nur noch 5 Jahre zu leben, was ich jetzt gerade irgendwie blöd fände… nun gut, ändern könnte ich DAS nun auch nicht.

Aber nüchtern und auf den ersten Blick betrachtet, ist genau das eingetroffen, wovor ich mich mein ganzes Leben schon gefürchtet habe: ich friste ein Durchschnitts-Dasein. Demographisch gesehen bin ich ja wahrscheinlich schon fast so etwas wie das Mittel in Perfektion. Ich lebe in Mitteleuropa, in einer mittelgroßen Gemeinde, verfüge als Angestellte im mittleren Alter über ein mittleres Einkommen… an diesem Punkt hört es bei mir auch schon auf mit dem Durchschnitt. Denn bei genauerem Hinsehen, bin ich in den meisten Punkten – im Vergleich zu meinen demographischen Peers – eigentlich die fleischgewordene Randgruppe:

Alleinerziehend mit einem Kind (nicht 1,57 Kinder), das mit dem Attribut „Migrationshintergrund“  gesegnet wurde (Sozialforschung und Amtsschimmel sei Dank), im Elternhaus wohnend (schäm‘ Dich, kein Haus gebaut), Geisteswissenschaftlerin ohne akademische Karriere (d.h. praktisch knapp am Taxischein vorbei geschrammt). Sogar mein Geburtsjahr ist schon eine Randerscheinung – zumindest wenn man einigen online Formularen zu viel Beachtung schenkt und einem auffällt, dass das Jahr 1973 immer das ist, ab dem man im Scroll down den Cursor zu Hilfe nehmen muss, damit es im Formularkästchen erscheint. Wenngleich ich dieses Schicksal nun wieder mit vielen anderen teile.

Mein liebes 1998er Ich, unser Leben in der Mitte ist wahrscheinlich

  • nur von kurzer Dauer – wenn wir noch ein paar Jahre älter werden, hat sich auch das mit dem „mittleren Alter“ bald erledigt
  • nicht statisch – wir können ja immer noch auswandern
  • manchmal Ausdruck erwachsener Entscheidungen – an manchen Punkten im Leben tut es auch mal ganz gut, das Streben nach Selbstverwirklichung den Bedürfnissen anderer unterzuordnen

Von den meisten anderen Punkte den Durchschnitt betreffend sind wir meilenweit entfernt. Leider (?) damit aber auch von der Perfektion. Denn ist es nicht tatsächlich so, dass der Durchschnitt Perfektion bedeutet? Man denke nur an den goldenen Schnitt. Man betrachtet dann zwei perfekt gleiche Hälften, die ein perfektes Ganzes ergeben. Man hat im Prinzip mit dem Durchschnitt die exakte Mitte gefunden. Und da ist sie auch schon wieder: die Mitte. Die, die uns  weis machen will, dass sie das Nonplusultra, das Maß aller Dinge ist – da gibt es z.B. die Parteien der Mitte (und das scheint offenbar etwas Gutes zu sein), alles Mögliche kommt ständig in der Mitte der Gesellschaft an (da scheint es dann super aufgehoben zu sein – oder auch nicht?), es gibt die Familie als Mittelpunkt, die wiederum nur perfekt sein kann, wenn sie ihren Mittelpunkt in ihrem tollen Eigenheim hat, nicht zu vergessen unsere eigene Mitte, die wir alle immer suchen und finden sollen, sonst wird das definitiv nichts mit dem perfekten Leben…

Ups, schuldig! Auch ich lasse mich gerne von dem Gedanken einlullen, wie schön es doch sei, ein perfektes Leben zu leben. Auch ich belege einen Yogakurs in der Hoffnung, dass ich irgendwann mal diese sagenumwobene Balance finde und dann alles super wird. Fakt ist aber, mein Leben läuft eher selten perfekt. Und während ich mein wenig perfektes Leben am Laufen halte, komme ich nicht umhin, mir doch auch manchmal zu wünschen, es wäre zumindest an manchen Stellen ein wenig perfekt.

Zum Schluss noch einmal kurz zurück zur 25-Jährigen: glaube der weisen mittelalten Frau, wenn sie Dir sagt: Dein Leben war und meines ist meistens nicht so schlimm wie es uns manchmal erscheint – machen wir weiter so!

 

Bild: Installation Swarovski Kristallwelten, A-6112 Wattens, August 2017

3 Gedanken zu „Mein Leben ist…“

  1. Gute Gedanken – toll geschrieben (liebe deine Selbstironie) 👍 eine Wohltat für Menschen, die auch nicht perfekt sind, aber dennoch Wert auf richtige Orthographie und eine elaborierte Sprache legen 😉 weiter so!!

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