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Die Aberles

Baum traurig

Oft genug läuft man durchs Leben in der per se nicht ungesunden Überzeugung, dass man wahnsinnig viel zu bieten hat an Talenten und Fähigkeiten oder einfach auch nur in dem Sinne, dass man der Mensch ist, der man ist, und dass dies doch allen anderen um einen herum klar sein müsste. Umso ernüchternder dann dieser Moment, in dem man erkennen muss, dass Leute, die vermeintlich wesentlich weniger talentiert, klug und gut aussehend als man selbst sind, mehr Aufmerksamkeit von der Umwelt erhalten und erfolgreicher sind!
Natürlich wissen wir weisen Erwachsenen bis dahin längst, woran das liegt:

Vun nix kummt nix! übers. aus dem Kurpfälzischen: „Von nichts kommt nichts“. Wenn Du Talent hast, ist das schön für Dich, nützt Dir aber nichts, wenn Du nicht ein klein wenig Zeit und Arbeit in die Talententwicklung, deine Ideen und Pläne steckst. Wenn Du also von Haus aus faul bist, hör‘ bitte genau jetzt auf zu jammern. Da kann sich halt einfach nichts entwickeln. Gehen wir also davon aus, Du bist jemand, der ein gewisses Maß an Disziplin aufbringt, dann solltest Du es an irgendeiner Stelle schaffen, andere Menschen an den Früchten Deiner Arbeit teilhaben zu lassen. Die Frage ist

warum scheitern so viele von uns an genau dieser Stelle

und verbauen sich damit die Chance, tja, auf was? – ein erfolgreiches, erfülltes, glückliches Leben oder was sich jeder eben so für sich wünscht, wenn er seinen Träumen, Ideen, Talenten nachgehen möchte?

Bei mir waren es – neben den profanen Dingen wie z.B. wirtschaftliche Stabilität – ganz klar die ABERLES. Jeder kennt sie: man findet sie in der Familie, im Freundeskreis, unter Lehrern; nennen wir es zusammengefasst unser erweitertes Umfeld. Es sind Personen, die jeder Deiner Ideen und Pläne ein ABER entgegen zu setzen haben. Dieses Aber kommt in vielfältiger Art und Weise daher, so wie die ABERLES ganz unterschiedliche Gründe haben, warum sie so sind wie sie sind.

Ihnen allen ist eines gemein: sie bremsen Dich aus.

Hier meine TOP 5

  1. Das Ich mein’s doch nur gut mit Dir ABER Es kommt in der Regel von Dir sehr nahe stehenden Personen, die Dich schon lange und gut kennen und bereits viele Deiner „Phasen“ mitgemacht, Dich aber (trotzdem oder gerade deshalb) sehr gern haben. Ihnen liegt Dein physisches und emotionales Wohlbefinden ehrlich am Herzen. Ihrem Aber ist die generelle Sorge um Dich übergeordnet. Du darfst ihr Aber als Ausdruck ihrer Zuneigung für Dich wertschätzen. Aber bitte aufpassen: es besteht die Gefahr der emotionalen Erpressung. Du tendierst dazu, Ideen und Pläne nicht umzusetzen, weil Du den Ich mein’s doch nur gut mir Dir ABERLES keine Sorgen bereiten willst.
  2. Das Bedenkenträger ABER Auch dies basiert auf dem Prinzip des Sich Sorgens. Diese ABERLES machen sich große Sorgen. Allerdings nicht speziell um Dich. Sie machen sich einfach immer über alles Sorgen. Sie wägen jede Deiner Ideen und Pläne in Pro und Contra ab, wobei ganz klar die Contra-Seite überwiegt, die mit diversen Beispielen aus der Rubrik „Scheitern und Versagen“ auch noch untermauert wird. Eine Unterhaltung mit einem Bedenkenträger ABERLE endet leider nicht selten damit, dass Du dich wie MOMO fühlst, die von den grauen Herren durch die Mangel gedreht wurde. Die Welt wird irgendwie ein klein wenig blasser. Begegne ihnen dennoch mit Milde und auch einem gewissen Maß an Mitleid. Denn die Bedenkenträger ABERLES machen Dir nicht absichtlich das Leben schwer. Sie können einfach nicht anders. Vor allem aber machen sie sich selbst durch ihre permanente Suche nach dem Haar in der Suppe das Leben unglaublich schwer.
  3. Das Besserwisser ABER Dieses befindet sich immer in direkter Nachbarschaft zum Personalpronomen ICH. Ein typischer Satz lautet in etwa so: „Das hört sich interessant an, aber ich habe das gerade vor Kurzem schon einmal gesehen und fand es eher langweilig/amateurhaft/o.ä.“ Ähnlich den Bedenkenträgern haben auch die Besserwisser immer ein Beispiel parat. Dieses soll vor allem zeigen, wie gut bewandert sie in praktisch jedem Thema sind. Der Besserwisser ABERLE ist ein Allrounder. Sein Aber hat einzig und allein den Zweck, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken während Du gleichzeitig als Amateur in den Schatten gestellt wirst. Mein Rat: während die Besserwisser ABERLES ihre selbstverliebten Monologe im Scheinwerferlicht halten, behalte Du im Schatten einen kühlen Kopf und stricke weiter an Deinen Ideen und Plänen.
  4. Das Neid ABER Dieses Aber ist ein ganz spezieller Fall. Es wird nämlich in der Regel nicht (konkret) ausgesprochen. Die Neid ABERLES sind oft die Leute, die, wenn Du in einer Gruppe deine Ideen oder Gedanken vorträgst, schweigen. Sie strafen jegliche Art von Aktivitäten deinerseits mit Nichtbeachtung ab, sollten diese auch nur den Anschein erwecken, sie könnten Dir zu Erfolg oder Aufmerksamkeit verhelfen. Die Neid ABERLES sind ein echtes Gesundheitsrisiko für Dich. Sie agieren oft non-verbal oder zielgerichtet gegen Deine Person und das vergiftet die Atmosphäre nachhaltig. Ein Neid ABERLE wird zum Beispiel niemals den Inhalt Deiner Über Mich Seite kommentieren, sondern lediglich darauf hinweisen, dass das dafür gewählte Portraitbild „Deine Nase komisch wirken lässt“. Bei dieser ABERLE Gruppe helfen eigentlich nur zwei Methoden: ignorieren oder ganz viel (gerne auch mal bissiger) Humor.
  5. Das Angst vor den Aberles ABER … ist das Schlimmste, denn es kommt aus Dir selbst. Sobald in Dir eine Idee wächst, kommt das Angst vor den Aberles ABER aus seiner Ecke und überzeugt Dich davon, dass es sich bei dieser Idee ohnehin wieder nur um ein Hirngespinst handelt, das gegenüber den ABERLES da draußen keine Überlebenschance hat. Ähnlich dem Salatkopf bei einer Schneckeninvasion. Es bedeutet, dass Du entweder schon zu viele ABERLES in Deinem Leben getroffen hast oder eine/n so Mächtige/n an einer ganz entscheidenden Stelle Deiner Persönlichkeitsentwicklung, dass deine Kreativität und dein Selbstbewusstsein praktisch bis auf die Wurzeln aufgefressen wurden. An dieser Stelle hilft meist nur noch eine längere Zeit Brachliegen und ganz viel Pflege durch die Daswirdschonwieders.

Was also tun mit ihnen?

Befrei‘ Dich von den ABERLES – das heißt nicht, dass Du in eine andere Stadt ziehen, Deinen Namen ändern und ein komplett neues „aber-freies“ Umfeld aufbauen musst. Sie haben ja auch ihre Berechtigung, die ABERLES – sie helfen Dir, gewisse Dinge in Perspektive zu bringen, sie können auch konstruktive Punkte haben, die Du in Deinen Plänen berücksichtigen solltest, sie können Dich sogar motivieren, etwas zu wagen (= der „jetzt erst Recht“ Effekt); nein, es reicht meistens schon aus, eine gewisse Distanz zu ihnen zu schaffen, z.B. indem Du einen mentalen Zaun errichtest. Die Art der Barriere hängt stark davon ab welche Sorte oder Zahl an ABERLES Dich umgibt: bei manchen genügt der einfache Jägerzaun, andere brauchen schon eher die moderne Steingittervariante, bei den ganz schweren Fällen kommt auch schon einmal der Elektrozaun zum Einsatz.

Probier‘ es einfach mal aus, wenn Dir das nächste Mal ein ABERLE begegnet.

Viel Erfolg!

Allgemein

Mein Leben ist…

…meistens gar nicht so schlimm wie es mir manchmal erscheint.

Ich habe einen Bildungsabschluss, der es mir auf dem Arbeitsmarkt bisher recht leicht gemacht hat, anständige Jobs zu finden. Ich habe aktuell einen sicheren Posten, der mir und meinem Kind einen guten Lebensstandard sichert. Ich habe zwar wenige aber dafür unglaublich gute Freunde, die ich um nichts in der Welt missen möchte und – das Wichtigste zum Schluss – mein Kind und ich sind gesund.

Aus heutiger Sicht erfüllen diese Punkte zumindest die Grundvoraussetzungen für ein zufriedenes Leben. Tja, wenn da nur nicht mein 20 Jahre jüngeres Ich wäre, das mir in einem Tagebucheintrag von 1998 empört entgegenschreit: „Ich will etwas Besonderes sein, dabei bin ich nichts als Durchschnitt und werde wie Millionen anderer (…) einem Bürojob nachgehen und (…) dahin siechen, bis ich endlich sterbe. Mein halbes Leben ist vorbei und ich habe es verschwendet.“ Wow, jetzt fällt es mir wieder ein: ich war eine ziemliche Drama Queen. Allerdings hatte ich mich auch nicht so weitsichtig  in Erinnerung – das mit dem Bürojob hat ja schon mal super geklappt. Außerdem habe ich laut den obigen Zeilen und rein rechnerisch nur noch 5 Jahre zu leben, was ich jetzt gerade irgendwie blöd fände… nun gut, ändern könnte ich DAS nun auch nicht.

Aber nüchtern und auf den ersten Blick betrachtet, ist genau das eingetroffen, wovor ich mich mein ganzes Leben schon gefürchtet habe: ich friste ein Durchschnitts-Dasein. Demographisch gesehen bin ich ja wahrscheinlich schon fast so etwas wie das Mittel in Perfektion. Ich lebe in Mitteleuropa, in einer mittelgroßen Gemeinde, verfüge als Angestellte im mittleren Alter über ein mittleres Einkommen… an diesem Punkt hört es bei mir auch schon auf mit dem Durchschnitt. Denn bei genauerem Hinsehen, bin ich in den meisten Punkten – im Vergleich zu meinen demographischen Peers – eigentlich die fleischgewordene Randgruppe:

Alleinerziehend mit einem Kind (nicht 1,57 Kinder), das mit dem Attribut „Migrationshintergrund“  gesegnet wurde (Sozialforschung und Amtsschimmel sei Dank), im Elternhaus wohnend (schäm‘ Dich, kein Haus gebaut), Geisteswissenschaftlerin ohne akademische Karriere (d.h. praktisch knapp am Taxischein vorbei geschrammt). Sogar mein Geburtsjahr ist schon eine Randerscheinung – zumindest wenn man einigen online Formularen zu viel Beachtung schenkt und einem auffällt, dass das Jahr 1973 immer das ist, ab dem man im Scroll down den Cursor zu Hilfe nehmen muss, damit es im Formularkästchen erscheint. Wenngleich ich dieses Schicksal nun wieder mit vielen anderen teile.

Mein liebes 1998er Ich, unser Leben in der Mitte ist wahrscheinlich

  • nur von kurzer Dauer – wenn wir noch ein paar Jahre älter werden, hat sich auch das mit dem „mittleren Alter“ bald erledigt
  • nicht statisch – wir können ja immer noch auswandern
  • manchmal Ausdruck erwachsener Entscheidungen – an manchen Punkten im Leben tut es auch mal ganz gut, das Streben nach Selbstverwirklichung den Bedürfnissen anderer unterzuordnen

Von den meisten anderen Punkte den Durchschnitt betreffend sind wir meilenweit entfernt. Leider (?) damit aber auch von der Perfektion. Denn ist es nicht tatsächlich so, dass der Durchschnitt Perfektion bedeutet? Man denke nur an den goldenen Schnitt. Man betrachtet dann zwei perfekt gleiche Hälften, die ein perfektes Ganzes ergeben. Man hat im Prinzip mit dem Durchschnitt die exakte Mitte gefunden. Und da ist sie auch schon wieder: die Mitte. Die, die uns  weis machen will, dass sie das Nonplusultra, das Maß aller Dinge ist – da gibt es z.B. die Parteien der Mitte (und das scheint offenbar etwas Gutes zu sein), alles Mögliche kommt ständig in der Mitte der Gesellschaft an (da scheint es dann super aufgehoben zu sein – oder auch nicht?), es gibt die Familie als Mittelpunkt, die wiederum nur perfekt sein kann, wenn sie ihren Mittelpunkt in ihrem tollen Eigenheim hat, nicht zu vergessen unsere eigene Mitte, die wir alle immer suchen und finden sollen, sonst wird das definitiv nichts mit dem perfekten Leben…

Ups, schuldig! Auch ich lasse mich gerne von dem Gedanken einlullen, wie schön es doch sei, ein perfektes Leben zu leben. Auch ich belege einen Yogakurs in der Hoffnung, dass ich irgendwann mal diese sagenumwobene Balance finde und dann alles super wird. Fakt ist aber, mein Leben läuft eher selten perfekt. Und während ich mein wenig perfektes Leben am Laufen halte, komme ich nicht umhin, mir doch auch manchmal zu wünschen, es wäre zumindest an manchen Stellen ein wenig perfekt.

Zum Schluss noch einmal kurz zurück zur 25-Jährigen: glaube der weisen mittelalten Frau, wenn sie Dir sagt: Dein Leben war und meines ist meistens nicht so schlimm wie es uns manchmal erscheint – machen wir weiter so!

 

Bild: Installation Swarovski Kristallwelten, A-6112 Wattens, August 2017